Wege des Barock

Das Museum Barberini Potsdam präsentiert 54 Meisterwerke aus dem Palazzo Barberini und der Galleria Corsini in Rom

Wege des Barock: Die imposante Ausstellung entführt die Besucher in eine Epoche voller Widersprüche. Die Inquisition waltet. Galileo Galilei, ein Freund von Urban VIII., muss seine Erkenntnis widerrufen, dass die Erde sich um die Sonne dreht. In der Kunst drücken sich diese Konflikte schockierend in der Hell-Dunkel-Malerei von Caravaggio und seinen Nachfolgern aus.

Ortrud Westheider, Museumsdirektorin, betont: „Es war seit unserer Gründung im Jahr 2017 unser Wunsch, mit der Sammlung unserer Namensschwester in Rom eine Ausstellung zu realisieren“.

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„Er war der Papst, der Rom in eine Barockstadt verwandelt hat. Er war der Papst, der den Triumph der römisch-katholischen Kirche im 17. Jahrhundert bewirkte. Er regierte während des Dreißigjährigen Krieges. Das war eine Zeit, in der die katholische Kirche in ganz Europa nach der Reformation an Bedeutung gewann“.

Epoche voller Widersprüche: Caravaggios Bild vom Narziss zeigt den jungen Mann, der sich in unerfüllter Liebe zu sich selbst verzehrt. Caravaggio wählt die Nahaufnahme im Moment der Verzückung, als blendende Schönheit in dunkle Egozentrik umschlägt. Die Ausleuchtung lässt die Situation so persönlich erscheinen, dass die italienische Kuratorin Maurizia Cicconi augenblicklich flüstert.

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„Das Licht ist punktuell und sehr intim. Denn typisch für Caravaggio ist, dass er nur einen einzelnen Punkt beleuchtet. In diesem Fall wirft er ein Schlaglicht auf das weiße Hemd des jungen Mannes. Aber alles soll die Gestalt von Narziss hervorheben, der sein umgekehrtes und diffuses Spiegelbild im Wasser betrachtet.“

In der Ausstellung „Wege des Barock“ wird die von Michelangelo Merisi da Caravaggio inspirierte Entstehungsgeschichte der römischen Barockmalerei nachgezeichnet und deren Ausstrahlen nach Europa thematisiert. Die römischen Sammlungen gehen den Angaben zufolge auf Maffeo Barberini (1568-1644) zurück, der von 1623 bis 1644 unter dem Namen Urban VIII. Papst der katholischen Kirche war.

Die Schau zeichnet die von Caravaggio ausgehende Entstehung der römischen Barockmalerei nach und folgt ihrer Ausstrahlung nach Europa und der Entwicklung nördlich der Alpen ebenso wie in Neapel. Die Ausstellung schlägt den Bogen von den Barberini als Förderer der Künste bis zur Italiensehnsucht der preußischen Könige.
Das Barberini im Barberini
54 Meisterwerke aus dem Palazzo Barberini und der Galleria Corsini sind für „Wege des Barock“ zu Gast in Potsdam. Der Palazzo Barberini, das architektonische Vorbild für das Palais Barberini in Potsdam, verfügt über eine der wichtigsten Sammlungen römischer Barockmalerei weltweit. Zusammen mit der Galleria Corsini beherbergt er die italienischen Nationalgalerien.

Ortrud Westheider, Direktorin Museum Barberini: „Es ist eine große Ehre und auch Anerkennung des noch jungen Museums Barberini, mit den traditionsreichen Nationalgalerien kooperieren zu können. Es war von Anfang an unser Wunsch, mit der Sammlung unserer Namensschwester eine Ausstellung zu realisieren.

Flaminia Gennari Santori, Direktorin der italienischen National­galerien Barberini Corsini in Rom: „Wir freuen uns, dass wir unser Museum und einen Teil seiner Sammlung gerade in Potsdam vorstellen können, einer Stadt mit so zahlreichen Anknüpfungspunkten an die Kunst und Architektur Roms“. 
Pietro da Cortonas monumentales Deckenbild aus dem Gran Salone des Palazzo Barberini empfängt die Besucher der Potsdamer Ausstellung in Form einer Deckenprojektion. Das berühmte Fresko spiegelt den Machtanspruch einer der bedeutendsten Familien im Rom des 17. Jahrhunderts wider: Tugenden flankieren die Allegorie der göttlichen Vorsehung und präsentieren die Papst-Tiara und die Schlüssel Petri. Auftraggeber war der literarisch gebildete Maffeo Barberini, der sich bereits als junger Mann von Caravaggio portraitieren ließ. Schon vor seiner Wahl zum Papst hatte er in Rom einen Kreis von Schriftstellern und Wissenschaftlern um sich geschart und begonnen, eine Kunstsammlung aufzubauen. Als er 1623 zum Papst Urban VIII. gewählt wurde, entwickelte er sich zu einem der wichtigsten Kunstförderer und machte Rom zur Hauptstadt des Barock. Unter seinem Pontifikat wurde der Petersdom fertiggestellt und geweiht. Straßen und Plätze entstanden, die das Gesicht der Stadt bis heute prägen. Im Dreißigjährigen Krieg (1618–1848) unterstützte Urban VIII. keine der Streitmächte und hielt an seinem Ziel fest, in seinem Jahrhundert eine kulturelle Blüte in Malerei, Architektur, Literatur und Musik zu initiieren, die den Vergleich mit, der Renaissance nicht scheuen sollte. Dennoch blieb sein Pontifikat eine Zeit anhaltender Gewalt durch die in der Gegenreformation begründete Inquisition. So musste der mit Urban VIII. befreundete Galileo Galilei seine Lehren widerrufen.

Kuratoren Wege des Barock

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Caravaggios Gemälde Narziss: Mit seiner Konzentration auf den entscheidenden Moment einer Erzählung stieß Michelangelo Merisi da Caravaggio eine neue Kunst an. Mit seinen Hell-Dunkel-Effekten brach der Künstler mit bisherigen Normen und wurde zu einem der Begründer der Barockmalerei.

Sein Werk spaltete die Geister. Während seine Anhänger ihn für den mutigen Stil feierten, sahen seine Feinde in ihm einen respektlosen Anarchisten, der die althergebrachten Werte der Malerei zerstören wollte. Eines der frühen Werke Caravaggios, sein 1597–1599 entstandenes Gemälde Narziss, kommt als einer der vielen herausragenden Leihgaben aus Rom nach Potsdam.

Ortrud Westheider: „Caravaggio zeigt einen jungen Mann beim Anblick seines Spiegelbildes – Narziss, dem seine Selbstliebe zum Verhängnis wurde. Das Gemälde ist berühmt für seine Fokussierung auf den dramatischen Wendepunkt. Seine Modernität, mit der das Abbild, auch die Möglichkeiten der Malerei, reflektiert wurden, fasziniert bis heute.“
Gewalt und Erlösung: Caravaggios Realismus traf in der Zeit von Gegenreformation und Religionskriegen einen Nerv. Der Kampf gegen den als Häresie verdammten Protestantismus brachte eine neue Frömmigkeit hervor, wie sie in Orazio Gentileschis Gemälde „Der heilige Franziskus“, von einem Engel gehalten (um 1612) zu erkennen ist. Bei aller Glaubensmystik zeugen die Bilder wie etwa Giovanni Bagliones „Himmlische und irdische Liebe“ (vor 1603) aber auch von der Gewalttätigkeit dieser Epoche und von einem neuen Selbstbewusstsein der Künstler, mit dem diese auf die Spannungen innerhalb des kunstsinnigen und zugleich streng klerikalen Rom reagierten. 
Wie Caravaggio studierten die Künstler in seinem Kreis Modelle, die aus den ärmsten Vierteln Roms kamen. Den monumentalen Altarbildern und Heiligenlegenden verlieh diese Praxis eine neue Eindringlichkeit. Andachtsbilder wurden verlebendigt und in Alltagsszenen umgedeutet. 
Caravaggisten in Neapel: Wegen seiner Teilnahme an einem Straßenkampf mit tödlichem Ausgang musste Caravaggio ins Spanische Königreich Neapel fliehen. Mit seiner Malweise inspirierte er die dortigen Künstler. Luca Giordano und Battistello Caracciolo griffen seine nahsichtige Darstellung und Monumentalisierung der Figuren auf und experimentierten mit schlaglichtartiger Beleuchtung. Sie aktualisierten die Geschichten antiker Philosophen und christlicher Heiliger, indem sie wie Caravaggio das historische Geschehen wie auf einer Bühne zeigten. Jusepe de Ribera hat in „Venus und der sterbende Adonis“ (1637) den dramatischen Moment gewählt, in dem Aphrodite ihren sterbenden Gefährten erblickt. Der aus Spanien stammende Maler hatte Caravaggios Werke 1615 in Rom gesehen. Er bewunderte die Dramatik in dessen Arbeit und die Darstellung der oft implizierten Gewalt.
Licht und Schatten: Künstler aus Flandern und Frankreich brachten ihre Maltraditionen nach Rom und schöpften aus dem hier von Raffael und Michelangelo geprägten, von antiken Vorbildern ausgehenden Stil. Von Caravaggio und seinem Kreis übernahmen Simon Vouet und Matthias Stom die effektvoll beleuchteten Interieurs und nächtlichen Szenen und machten Licht und Schatten – häufig in der Bedeutung von Gut und Böse – zu dem auch in ihren Heimatländern beliebten Spezialgebiet.

Vorlieben deutscher Sammler: Für die europäische Aristokratie war die Bildungsreise nach Italien obligatorisch. Die Begegnung mit antiken Kunst- und Bauwerken stand im Vordergrund. Im 18. Jahrhundert gewannen die Kunstsammlungen in den Palästen der römischen Familien, wie der Barberini, zunehmend an Bedeutung. Für deutsche Fürsten wurden sie zum Vorbild des eigenen Sammelns. Sie orientierten sich an Kunstwerken, die sich auf die Antike bezogen, und bevorzugten allegorische Darstellungen der Künste, wie sie in Rom von Simon Vouet, Salvator Rosa und Prospero Muti geprägt wurden. Simon Vouets weibliche Figur mit Farbpalette und Pinsel in Allegorie der Malerei (Selbstporträt) (frühe 1620er Jahre) trägt vermutlich die Gesichtszüge Artemisia Gentileschis, der berühmtesten Malerin ihrer Epoche. Sie ist mit zwei Werken aus der Sammlung der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg in der Ausstellung vertreten.

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Galerie: Als Leihgabe der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg verlassen die zwei Gemälde „Bathseba im Bade“ (um 1635) und „Lukretia und Sextus Tarquinius“ (um 1630) seit 250 Jahren erstmals das Neue Palais in Potsdam und zeigen beispielhaft den Einfluss des römischen Barock auf deutsche Sammlungen.

Als der preußische König Friedrich II. die Gemälde für das Neue Palais erwarb, wusste er nicht, dass sie von einer Frau gemalt worden waren. Er ließ 1769 eine italienische Galerie mit Werken von Giordano Bruni, Guido Reni und den heute Gentileschi zugeschriebenen Gemälden einrichten. Mit biblischen und mythologischen Themen nimmt sie die unheilvollen Folgen männlicher Begierde in den Fokus. Der preußische König, der sich mit Schloss Sanssouci, Ruinenberg und Palais Barberini imperialer wie bukolischer Vorbilder bediente, konfrontierte seinen späteren Nachfolger Friedrich Wilhelm II. fortan mit dieser „Galerie der Unvernunft“.

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Palazzo Barberini ist das architektonische Vorbild für das Museum Barberini in Potsdam

Das Barberini Museum am Alten Markt in Potsdam ist eine Rekonstruktion des Palais Barberini, das Friedrich der Große (1712-1786) in den Jahren 1771 und 1772 nach dem Vorbild des Palazzo Barberini in Rom errichten ließ. Der preußische König Friedrich der Große hatte sich eine italienische Piazza für Potsdam gewünscht und sich an einem Kupferstich Piranesis orientiert, der den Palazzo Barberini in Rom zeigt. Mit diesem Bezug auf den Kunst-Papst Urban VIII. brachte der Preußen-König seinen Anspruch zum Ausdruck, ebenfalls ein großer Sammler und Kenner der Kunst zu sein. Im Auftrag von Friedrich II. und seines Nachfolgers Friedrich Wilhelm IV. wurden zahlreiche Gebäude nach italienischen Vorbildern in Potsdam errichtet. Im Zweiten Weltkrieg zerstört, wurde es in den Jahren 2013 bis 2016 von der Hasso Plattner Stiftung als moderner Museumsbau an originaler Stelle wieder errichtet.

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Italien in Potsdam: Die Stiftung Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg und die Stadt Potsdam nehmen die Ausstellung zum Anlass, gemeinsam mit dem Museum Barberini den Sommer zu einer Feier italienischer Kunst und Kultur werden zu lassen. Bei Führungen, Konzerten, Lesungen, Filmabenden, Schlössernacht und vielen weiteren Veranstaltungen zeigt sich Potsdam von seiner italienischen Seite.

Reisetipp: Anlässlich der Ausstellung Wege des Barock lädt das Museum Barberini dazu ein, die italienischen Einflüsse im Stadtbild Potsdams zu entdecken. Als Stadtrundgang führt die Audiotour Italien in Potsdam der Barberini App zu insgesamt 30 Gebäuden und Kunstwerken, die im 18. und 19. Jahrhundert nach italienischen Vorbildern entstanden sind. Die Stadttour – gesprochen von Günther Jauch – begleitet durch die Stadt und ermöglicht einen verblüffenden visuellen Vergleich zwischen Potsdam und Italien. www.potsdamtourismus.de/italien-in-potsdam.
Museum Barberini. Humboldtstrasse 5-6, D-14467 Potsdam. www.museum-barberini.com

Das Museum Barberini zeigt vom 13. Juli bis 6. Oktober 2019 „Wege des Barock“.

Ein Beitrag für ReiseTravel von Gerald H. Ueberscher. Mitarbeit Achim Klapp. 

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